Ernährung von Babys und Kleinkindern – Interview mit Veronika Ottenschläger

11. August 2022

Ernährungswissenschaftlerin und -beraterin Veronika Ottenschläger gibt uns einen informativen Einblick in die Ernährung von Babys und Kindern: "Mütter sollten auf ihr Bauchgefühl hören."

Eine ausgewogene frühkindliche Ernährung ist wohl einer der wichtigsten Bestandteile einer gesunden Kindheit und ein nachhaltiges Fundament für ein gesundes Leben. Gerade in der heutigen Zeit wird es zunehmend schwerer den richtigen Weg zu gesunder und ausgewogener Ernährung unserer Kinder zu finden – insbesondere durch Social Media, laufend neue Ernährungstrends und ein immer größer werdendes Angebot fertiger Nahrungsmittel wie Gläschen und Snacks. Veronika Ottenschläger kennt diese Probleme und weiß um die Herausforderungen der frühkindlichen Ernährung bestens Bescheid. Sie berät zahlreiche Eltern sowie Bildungsinstitutionen seit Jahren zum Thema Ernährung. Im Interview erzählt Sie über die häufigsten Fehler, Vor- und Nachteile von Fertignahrung sowie darüber, was wir in dieser Hinsicht von asiatischen Ländern lernen können.


Frau Mag. Ottenschläger, Sie sind seit vielen Jahren als Ernährungsberaterin tätig und unterstützen dabei nicht nur Familien sondern auch Bildungsinstitutionen. Was hat Sie dazu bewegt?

Lange Zeit war ich im Marketing eines großen Lebensmittelkonzerns tätig. Das war mir auf Dauer bezüglich ausgewogener Ernährung und Lebensstil zu wenig. Vor allem fehlte mir eine selbstständige Zeiteinteilung, die als Mutter von Zwillingen in späterer Folge extrem wichtig war. Das führte mich zu einer weiteren Ausbildung in TCM (Traditionell Chinesische Medizin) und der Ernährung nach den 5 Elementen. Nach Abschluss dieser ging es dann für mich in die Selbstständigkeit, die ich seither auch nicht mehr verlassen habe. Ein langer steiniger Weg doch nun arbeite ich mit Müttern und ihren Kindern und diese Aufgabe erfüllt mich mit extrem viel Freude.

„80% meiner derzeitigen Tätigkeit betrifft Kinder mit Fütterungsstörungen. Besonders Mütter mit noch ganz kleinen Kindern kommen zu mir.“

Wann suchen sich denn Eltern Unterstützung bei Ihnen? Was sind die häufigsten Anliegen, mit denen sich Eltern an Sie wenden?

80% meiner derzeitigen Tätigkeit betrifft Kinder mit Fütterungsstörungen. Besonders Mütter mit noch ganz kleinen Kindern kommen zu mir. Meist handelt es sich dabei um Kinder, die in ihren Perzentilen immer weiter an den unteren Rand rutschen, nichts essen wollen oder nur ganz wenige Nahrungsmittel zu sich nehmen.

Weitere große Themen sindgastrointestinale Beschwerden wie Verstopfung oder wiederkehrendes Bauchweh, Beikosteinführung und Baby-Led-Weaning. Insbesondere letzteres ist mit viel Unsicherheit in unserer heutigen Zeit verbunden. Das Interesse an vegetarischer Ernährung wird ebenfalls immer größer. Vereinzelt suchen Eltern auch eine Beratung zu Kuhmilchproteinallergien, Unverträglichkeiten, Allergien und Übergewicht in meiner Praxis.

Welche häufigen Fehler beobachten Sie bei der Ernährung von Babys und Kleinkindern?

Aus Unsicherheit werden oft keine frischen Nahrungsmittel zubereitet. Diese wären aber für eine geschmackliche Vielfalt und für ein gesundes Ernährungsverhalten im späteren Leben wichtig.

Zudem verweigern Kinder oft Nahrungsmittel und ihre Eltern lassen diese in Folge ganz aus der Ernährung weg. Damit beginnt ein Teufelskreis, der im schlimmsten Fall dahin geht, dass ganze Nahrungsmittelgruppen weggelassen werden. Besser wäre, die Eltern geben die Speisen vor und das Kind kann über die Menge entschieden. Es gibt nicht jeden Tag ein Lieblingsessen.

Gerade heutzutage stressen sich Eltern bzw. Mütter dabei oft aufgrund der Fülle an Informationen im Internet und vielen unterschiedlichen Meinungen. Mütter sollten auf ihr Bauchgefühl hören. Eltern kennen ihre Kinder am besten und sollten sich deswegen nicht so schnell verunsichern lassen.

Der Markt bietet ein breites Spektrum an fertigen Mahlzeiten und Snacks (bspw. Breigläschen, „Quetschies“, Cracker, etc.) und macht damit vielen Eltern das Leben ein Stück leichter. Kann man dadurch frischgekochtes Essen weitgehend ersetzen?

Fertige Mahlzeiten oder Snacks sind eine gute Option, wenn es einmal schnell gehen soll. Eine Kombination aus beiden Dingen, „frisch gekocht“ und Fertigbreie, wäre aus meiner Sicht eine gute Möglichkeit einen stressigen Alltag zu bewerkstelligen. Ganz auf frische Nahrungsmittelzubereitung zu verzichten und damit einen großen Teil der geschmacklichen Vielfalt und abwechslungsreicher Nährstoffe einzubüßen ist aus meiner Sicht nicht günstig.

Viele Eltern verzichten aus diesem Grund gerade zu Beginn der Beikostreife auf Fertigbreie und Gläschen. Was spricht aus Ihrer Sicht gegen diese Fertigprodukte?

Man sollte sich überlegen, warum sie so lange haltbar sind. Ich glaube das beantwortet schon viel in diesem Zusammenhang. Bitte nicht falsch verstehen. Ich bin kein Gläschen-Gegner, aber ein Verfechter von abwechslungsreichen bunten und frischen Speisen, die auch gemeinsam genossen werden können.

Sie sprechen nicht nur als Ernährungswissenschafterin sondern auch als Mutter von zwei Kindern. Welche praktischen Tipps haben Sie für Familien, die für ihre beikostreifen Kinder auch mitkochen möchten, ohne viele Stunden in der Küche verbringen zu müssen?

Am besten kocht man das gleiche wie für sich, für seine Kinder nur mit einer anderen Würzung. Das spart Zeit. Kleine Portionen an Fleisch oder Fisch, die übrig bleiben sollten, kann man auch einmal in Eiswürfelbehälter als Reserve einfrieren.

Wie erkennen Eltern, dass ihre Kinder entweder die Ernährung nicht vertragen oder Ernährungsmängel haben?

Wenn Nahrungsmittel nicht vertragen werden, können unterschiedliche Symptome auftreten die von einem Hautausschlag bis zu Erbrechen, Durchfall und Verstopfung reichen. Ein Ernährungsmangel wird normalerweise vom Kinderarzt bemerkt und kann sich durch Minderwuchs, mangelnde Gewichtszunahme und viele andere Symptome wie kleine oder schlechte Zähne, struppige Haare, brüchige Nägel, etc. äussern.

Nahrungsmittelallergien und Intoleranzen (bspw. Laktoseintoleranz, Zöliakie oder Histaminintoleranz) werden heutzutage immer öfter (selbst-)diagnostiziert bzw. vermutet. Wie kann man derartigen Intoleranzen bei der frühkindlichen Ernährung vorbeugen (wenn überhaupt)?

Intoleranzen kann nicht vorgebeugt werden. Mit der Beikosteinführung zwischen der 17. und 26. Lebenswoche hat man zumindest ein günstiges Fenster zur Vorbeugung von Allergien gewählt. Nach der langsamen Einführungsphase sollten viele unterschiedliche Nahrungsmittel eingeführt werden. Dabei dürfen auch alle Hauptallergene angeboten werden. Stillen kann ebenfalls Allergien vorbeugen.

„Doch nicht jede Mutter kann stillen und da ist mir wichtig, dass hier kein zu großes schlechtes Gewissen aufgebaut wird. Denn dadurch werden Mütter gestresst und damit auch oft das Kind.“

Das Thema Stillen ist für viele Mütter nicht einfach. Manche Mütter können nicht stillen. Andere entscheiden sich bewusst dagegen. Welche Vorteile hat das Stillen aus ernährungsphysiologischer Sicht?

Wenn eine Mutter stillen kann ist es natürlich das beste und einfachste für Mutter und Kind. Diverse Studien belegen das. Doch nicht jede Mutter kann stillen und da ist mir wichtig, dass hier kein zu großes schlechtes Gewissen aufgebaut wird. Denn dadurch werden Mütter gestresst und damit auch oft das Kind.

Der Körper von Müttern leistet mit der Muttermilch großes. Die Muttermilch hat sehr viele Vorteile, bspw. stärkt sie das Immunsystem und hat die richtige Zusammensetzung an Nährstoffen zu jeder Mahlzeit und Entwicklungsstufe des Babys. Wenn die Mutter sich ausgewogen und abwechslungsreich ernährt verfügt die Muttermilch auch über eine umfangreiche Geschmacksvielfalt.

Flaschennahrung wiederum ist mittlerweile sehr gut der natürlichen Muttermilch nachempfunden. Sie enthält zudem viele der Inhaltsstoffe von Muttermilch und ist an die Entwicklung der Kinder angepasst. Was aus Studien eindeutig hervorgeht ist, dass flaschengenährte Kinder im Normalfall jedoch etwas mehr Gewicht haben und eine andere Zusammensetzung des Mikrobioms aufweisen.

Kinder sind bekannt dafür, lieber Süßes oder Kohlehydrathaltiges zu essen anstatt gesundes Gemüse. Sie kennen diese Herausforderung sicher selbst von Ihren Kindern. Verraten Sie uns Ihren Trick, wie Sie Ihren Kindern gesunde Nahrung schmackhaft machen?

Wer sich ausgewogen und abwechslungsreich ernährt darf auch kleine Mengen von Süßigkeiten zu sich nehmen. Ich bin gegen ein Verbot von Süßigkeiten, da sie sonst noch interessanter werden und das genau zum Gegenteil führt, der Gier und unstillbarem Verlangen nach Süßem. Am besten lässt man süße Speisen und Süßigkeiten altersentsprechend in die Ernährung einfließen und klärt die Kinder je nach Alter über die Menge und den Umgang auf. Ein Süßigkeitenglas bietet sich an, um Kindern die Menge der zu verzehrenden Süßigkeiten zu erklären und zu visualisieren.

„Je länger man Zucker fernhalten kann, umso besser.“

Ab wann und in welchem Maß sind denn Süßigkeiten bzw. Zucker für Sie in Ordnung?

Auf alle Fälle nicht vor dem 1. Geburtstag. Je länger man Zucker fernhalten kann, umso besser. Doch es kommt der Tag, an dem Kinder die Süßigkeiten durch ihr Umfeld mitbekommen und dann gilt ein entspannter Umgang damit. Was das Maß angeht, eine zugeklappte Kinderhand wäre die adäquate Menge. Je nach Alter steigt damit die Menge leicht, da die Hand wächst.

In Ihrem Buch „Ea(s)t meets West – Fit und gesund mit der Westlichen 5-Elemente-Ernährung“ zeigen Sie auf, wie die traditionelle chinesische Ernährungsweise mit heimischen Lebensmitteln praktisch kombiniert werden kann. Was können wir Europäer hinsichtlich Ernährung von den asiatischen Ländern lernen?

Regionalität und Saisonalität ist den Menschen in Asien sehr wichtig. Auch das Thema Verdaulichkeit und Regelmäßigkeit ist etwas, das in unseren Breiten gar nicht betrachtet wird. Selbstkochen steht in vielen Gebieten Asiens noch ganz oben auf der Liste. Bei uns geht das oft aufgrund von Zeitmangel und wenig Zugang zur Verarbeitung von Nahrungsmitteln unter.

Zum Abschluss würde uns interessieren, wie man sich eine Beratung bei Ihnen vorstellen kann.

Das Erstgespräch, in dem ich eine sehr genaue Anamnese erhebe, dauert eine Stunde. Oft sind Folgetermine nötig, vor allem wenn es um das Thema Fütterungsstörung und Gewichtszunahme geht. Auch bei vegetarischer Ernährung bedarf es einer längeren Begleitung der Familien. Wichtig ist mir, dass die Mütter bzw. Eltern nicht überfordert oder gestresst sind. Daher fasse ich das besprochene zusammen und schicke diese Gesprächsprotokolle inklusive vieler Tipps, Möglichkeiten für die Umsetzung und wenn gewünscht Rezepten an die Familien.

Frau Mag. Ottenschläger, vielen herzlichen Dank für die interessanten und hilfreichen Einblicke.

Wer sich noch tiefer mit der frühkindlichen Ernährung beschäftigen möchte, dem können wir an dieser Stelle auch das im Frühjahr 2022 erscheinende Buch „Gesunde Ernährung von Anfang an“ von Veronika Ottenschläger empfehlen.


Zur Person

Frau Mag. Veronika Ottenschläger hat Ernährungswissenschaften an der Universität Wien studiert und verfügt über eine Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Diätetik an der Wiener Schule für TCM. In 2007 gründete Sie mit Vitamed eine Praxis für Ernährungsberatung und ist seitdem als Ernährungsberaterin für Familien sowie an verschiedensten Bildungsinstitutionen tätig.

Zudem ist sie Autorin von „Ea(s)t meets West – Fit und gesund mit der Westlichen 5-Elemente-Ernährung“ sowie „Gesunde Ernährung von Anfang an – von der Schwangerschaft bis zum Kleinkindalter„.

http://www.vitamed.co.at

Ernährungswissenschaftlerin Veronika Ottenschläger